Mächtiger Schliff für die Neubaustrecke

Testimonial Story über die Hochleistungsschienenschleifmaschine HSM der Deutschen Bahn.

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TEXT/FOTO/VIDEO: Jan Zawadil

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Torsten Kaufmann und sein Team lassen in jeder Schicht die Funken fliegen. Ihr Arbeitsplatz ist die Hochleistungsschienenschleifmaschine (HSM) – und damit einer der teuersten Züge der DB. Jetzt sorgte der Koloss zwischen Wendlingen und Ulm für die ideale Schienenoberfläche. Eine Premiere, denn auf einer Neubaustrecke kam die HSM bislang nicht zum Einsatz.

Es ist ein bisschen wie Silvester. Links und rechts schlagen unter dem Zug Funken hervor, fliegen ins Gleisbett und verglimmen spätestens dort. Es qualmt ordentlich und das kleine Feuerwerk ist nicht nur eine recht lautstarke Angelegenheit, sondern zieht auch neugierige Blicke einzelner Spaziergänger entlang der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm auf sich.

Der funkensprühende Zug entpuppt sich dabei als Hochleistungsschienenschleifmaschine. Zwei dieser Kolosse besitzt die DB seit 2014. Und die teilen sich seither die Arbeit in den Regionen auf und sind nahezu das gesamte Jahr im Einsatz, um Gleise von Kohlenstoffschichten zu befreien.

Gemächlich geht es auf der Neubaustrecke voran. Mit neun Stundenkilometer fährt Maschineneinsatzleiter Torsten Kaufmann die HSM über die Gleise. Hat im Führerstand nicht nur die Strecke, sondern vor allem die Arbeit der 60 Schleifmotoren mit ihren bis zu 3.600 Umdrehungen pro Minute im Blick. Schließlich darf gerade mal ein halber Millimeter von den neuen Schienen abgetragen werden.

Die Arbeiten zwischen Wendlingen und Ulm sind dabei eine Premiere. Noch nie hat eine HSM der DB eine Neubaustrecke bearbeitet. Torsten Kaufmann und sein Team gehen selbstverständlich routiniert vor. Alles wird gecheckt. Mehrere Halte werden für die Kalibrierung des optischen Laser-Messsystems eingelegt, bevor die Schleifsteine im richtigen Abstand und Winkel auf die Gleise abgesenkt werden und das eigentliche Schleifen beginnt.

„Es ist schon sehr speziell“, sagt Kaufmann über seinen Arbeitsplatz. „Denn die HSM ist kein Massenprodukt.“ Seit 32 Jahren ist er bei der Bahn, seit 2014 arbeitet er auf dem riesigen Schleifgerät, davor war eine Gleisstopfmaschine sein Eldorado.

Weshalb das Schienenschleifen wichtig ist, erklärt Maschinenführer René Sziedat: „Früher hatten Züge nicht die Geschwindigkeit wie heute.“ Durch die höhere Beanspruchung und Reibung von Eisen auf Eisen verhärten sich die obersten Schichten. Hieraus ergibt sich eine verringerte Elastizität der Schienen, mikroskopisch kleine Risse entstehen. Dementsprechend muss die Kohlenstoffschicht regelmäßig abgetragen werden. Wobei es auf der Neubaustrecke darum geht, die oberste Schicht mit Resten des Fertigungsprozesses zu entfernen.

Die HSM halten weder Frost noch Hitze auf. Nur die Sicht muss immer stimmen. Bei Schnee oder dichtem Nebel fällt der Einsatz flach. Weil der Funkenflug in trockener Umgebung auch schon mal die Vegetation am Rand des Gleisbetts entzünden kann, sind auf der HSM immer 13.000 Liter Wasser an Bord, um im Fall der Fälle zu löschen.

Neben dem Schleifen gibt es viele Aufgaben an und rund um die HSM. Jeder Schleifstein hält rund 50 Kilometer bevor ein neuer eingesetzt wird. Die vielen mechanischen Bauteile müssen abgeschmiert und in Schuss gehalten werden. Und auch anfallende Schlacke, die aus den Schleifpartikeln zu teils handtellergroßen Brocken zusammenbackt, muss aus den Fangmatten entfernt oder vom Schlackesammlerteam entlang der Strecke entfernt werden. Ohne eingespieltes Team wäre das nicht möglich. Doch Torsten Kaufmann kann sich auf seine Crew verlassen. Zumal die HSM für alle auch ein bisschen ihre ganz persönliche Maschine ist.

Zahlen, Fakten, Wissenswertes
Die Hochleistungsschienenschleifmaschine ist ein Zug der besonderen Art. Die DB besitzt als einziges Eisenbahninfrastrukturunternehmen in Europa zwei eigene dieser Schwergewichte. Made in USA beläuft sich der Anschaffungspreis einer HSM auf 20 Millionen Euro. Sie misst 83,2 Meter, wiegt 360 Tonnen und hat 16 Achsen. Die maximale Geschwindigkeit liegt bei 100 Stundenkilometer, die Schleifgeschwindigkeit beträgt 2 bis 15 Stundenkilometer. Die maximale Steigung, die die HSM schafft, sind 40 Promille. Beide Hochleistungsschienenschleifmaschinen sind im Eigentum der DB Netz (Maschinenpool und Fahrwegmessung) in Berlin.